Versorgungssicherheit

Versorgungssicherheit

Die Prognosen sind eindeutig: Laut einer Studie, die der Weltenergierat (WEC World Energy Council) Mitte November 2007 in Rom vorstellte, wird die Nachfrage nach Strom, Gas und Öl bis zum Jahr 2030 um bis zu 40 Prozent, bis 2050 gar um 100 Prozent steigen. Damit dürfte sich der Energiebedarf der Weltgemeinschaft innerhalb von nur vier Jahrzehnten praktisch verdoppeln.

Die Nachfragesteigerung wird insbesondere getrieben vom rasanten wirtschaftlichen Aufholprozess, den die asiatischen Schwellenländer erleben. So wird allein in China der Energieverbrauch bis 2015 voraussichtlich auf 4.500 Terrawattstunden steigen. Beim Ölverbrauch liegt das Reich der Mitte mittlerweile auf Rang zwei hinter den USA.

Energie als politisches Druckmittel
Wo aber der Rohstoff Energie so begehrt ist, erhöht sich das Risiko, dass er als politisches Druckmittel eingesetzt wird. Wie bei dem Gasstreit zwischen der Ukraine und Rußland 2009. Internationale Konflikte wie dieser führen vor Augen, wie verwundbar das rohstoffarme Europa ist, wenn es um das Thema Energieversorgung geht. Immerhin wird etwa ein Drittel des gesamten deutschen Energiebedarfs in Russland gedeckt.

In dieser Situation leichtfertig auf die Kernenergie zu verzichten, erscheint energiepolitisch verantwortungslos, denn sie ist zentraler Baustein im deutschen Energiemix. Mit einem Anteil von 23 Prozent an der Stromerzeugung ist die Kernkraft Garant für eine stabile und verlässliche Versorgung. In der Grundlast trägt die Kernenergie sogar 48 Prozent bei. Wind- oder Solarenergie hingegen stehen nicht in direkter Konkurrenz zur Kernenergie, denn sie können aufgrund ihrer Witterungsabhängigkeit keine kontinuierliche Stromproduktion gewährleisten.

Stromerzeugungsmix Deutschland 2008
Komfortable Brennstoffsituation
Kernenergie leistet schon allein deshalb einen Beitrag für Versorgungssicherheit, weil der für die Erzeugung von Kernenergie erforderliche Brennstoff Uran noch mindestens 200 Jahre zur Verfügung steht. Sein großer Vorteil: Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern wie Öl oder Gas ist Uran nahezu auf der ganzen Welt verfügbar. Die Rohstoffvorkommen verteilen sich auf eine Vielzahl unterschiedlicher Länder, die sich weitestgehend durch politische Stabilität auszeichnen. So decken die Förderländer Kanada und Australien derzeit rund die Hälfte des weltweiten Uranbedarfs.

Dank seiner hohen Energiedichte ist Uran zudem leicht zu transportieren und kann nahezu beliebig lange bevorratet werden. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Natururan entspricht 12.600 Litern Erdöl oder 18.900 Kilogramm Steinkohle. Wegen der unkomplizierten Verfügbarkeit des Brennstoffs Uran bezeichnet man Kernenergie auch als heimische Energiequelle.

Stromlücke droht
Bereits 2007 hatte das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) in seiner Studie "Power für Deutschland - Energieversorgung im 21. Jahrhundert" bis zum Jahr 2020 eine nicht inländisch zu deckende Stromlücke von rund 16 Prozent errechnet.

Neuere Prognosen der Deutschen Energieagentur (dena) in ihrer "Kurzanalyse der Kraftwerks- und Netzplanung in Deutschland" vom April 2008 bestätigen die Stromlücke. So errechnete die dena, dass sich sogar bei engagierter Ausschöpfung der Stromeffizienzpotenziale, d. h. bei Erreichen der Ziele zum Ausbau der regenerativen Energien auf 30 Prozent und der Kraft-Wärme-Kopplung auf 25 Prozent, eine Differenz zwischen Strombedarf und Kraftwerkskapazitäten ergebe. Selbst bei Einberechnung eines sinkenden Stromverbrauchs, wie ihn das Energieprogramm der Bundesregierung annimmt, werde bereits ab 2012 nicht mehr genügend gesicherte Kraftwerksleistung zur Verfügung stehen, um die Jahreshöchstlast zu decken. Bis 2020 wachse diese Differenz laut dena je nach Szenario und Stromnachfrage auf 12.000 bis 21.000 Megawatt an. In der Folge seien mindestens 15 neue Großkraftwerke notwendig.

Aufgrund der weltweiten Finanzkrise und dem damit verbundenen konjunkturellen Rückgang verbrauchte zwar die deutsche Industrie im Jahr 2008 weniger Strom. Dennoch gehen auch neueste Studien, wie zum Beispiel die Studie von A.T. Kearney, für die Zeit nach der Finanzkrise von einem rapiden Anstieg des Energieverbrauchs für Europa aus: "Auch wenn sich durch den Abschwung der Wirtschaftsleistung das Stromverbrauchswachstum in den nächsten Jahren etwas abschwächen wird, muss in Europa generell mit einem weiterhin steigenden Strom- und Gasverbrauch gerechnet werden. Bis 2020 ist in der EU-27 mit einem Verbrauchsanstieg von 23 Prozent auf 3.945 Terawattstunden bei Strom und von 25 Prozent auf 630 Milliarden Kubikmeter bei Gas zu rechnen."

Zunehmender Import von Kernenergiestrom
Sollte Deutschland wie geplant aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie aussteigen, hat dies neben der verstärkten Gasverstromung eine weitere Folge: Im benachbarten Ausland (Frankreich, Großbritannien und Tschechien) käme es nach Prognose des EWI gleichzeitig zu einer Ausweitung der Stromerzeugung aus Kernenergie und zu einem tendenziellen Import nach Deutschland. Warum?

Deutsche Kernkraftwerke produzieren durchschnittlich jährlich ca. 160 Milliarden Kilowattstunden Strom und stellten so im vergangenen Jahr 48 Prozent des Grundlaststroms, also der Stromversorgung rund um die Uhr. Fallen diese Grundlastkapazitäten durch den Ausstieg aus der Kernenergie weg, sind laut EWI vermehrte Importe von Kernenergiestrom nach Deutschland wahrscheinlich. Eine verstärkte Stromerzeugung aus Windkraft würde dem zwar teilweise entgegenwirken, könnte den Importbedarf aber durch die Volatilität des Windstroms nicht stabil und überdies nicht in der benötigten Menge ausgleichen.

Folge des Ausstiegs wäre also neben einer erhöhten Importabhängigkeit Deutschlands von Gaslieferländern letztlich der verstärkte Import von Strom aus ausländischen Kernkraftwerken. Der Kernenergieausstieg würde durch solche Entwicklungen ad absurdum geführt.